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Reden zur Gründung des Instituts für ‚Pataphysik

Erste Gründungsrede

„Was ist ‘Pataphyik?“, ist die Frage, mit der alles und nichts beginnt.
Schon vielen Definitionen mag man dabei, unter anderem in der grünen Kerze, über den Weg gelaufen sein: die Wissenschaft vom Besonderen, der Ausnahmen, wobei alles ‚Regelhafte‘ nur Ausnahmen der Ausnahmen sind, nicht minder pataphysisch also, wodurch auch alle Wissenschaften, die die ‚Regelmäßigkeiten‘ zu erforschen trachten, Teil der Tiefsten sind: der ’Pataphysik, die sich dadurch zur Metaphysik verhält, wie diese zur Physik: beide enthaltend. Doch geht die ’Pataphysik als Wissenschaft imaginärer Lösungen weiter: ihr ist das sogenannte „Sein“, wie die sogenannte „Welt“ nur Teil eines weit weiteren Feldes unerschöpflicher Möglichkeiten: Wirklichkeit und Vorstellung, wie sonst alles ist ihr gleich, weshalb sie nichts zu erstreben braucht und unerschütterlich bleibt: sie ist das Ende aller Enden, sie ist die Substanz selbst von dieser Welt, die ’Pataphysik ist die Wissenschaft!

Eine andere Frage aber sei hier ergründet: „Warum ’Pataphysik?“ Und dabei lassen wir mal die durchaus legitime Antwort des Ulks, der bei einer solch ernsten Angelegenheit, wie es die Wissenschaft ist, aufzukommen nicht ausbleiben kann, außen vor. Nun, zuerst einmal stellt sich durch die ’Pataphysik eine eklatante Perspektivverschiebung ein, hebt sie doch einen Sonnenmythos und ein Naturgesetz, eine Tanzchoreographie und eine Plenumssatzung, um die Gleichheit von wahr und falsch, gut und böse wissend, auf dieselbe Ebene und macht ihren pragmatischen, situationsabhängigen Gebrauch – oder Nichtgebrauch – möglich. Und das wiederum, wenn sich die Betrachtungsweise, die Methode ganz dem Objekt, um ihre wechselseitige Beeinflussung und Vermischtheit wissend, anzupassen vermag, ist nicht das der Beginn aller wirklichenUnmittelbarkeit, weil nicht notwendigerweise durch eine Moral, Methode, Idee, Gesetz, Gewohnheit, Wahrheit, Ideologie, Tradition, etc. vermittelt? Wenn eins Zen, Taoismus und Max Stirner eint, dann ist es dies, das torlose Tor dem zu öffnen, sich ohne Gut und Böse, wahr und falsch, oder schön und hässlich, etc. mit allem und allen sich in Beziehung setzen zu können:

„Nur wenn ihr einzig seid, könnt Ihr als das, was ihr seid, miteinander
verkehren“ (EE, 148);
„Gebt auf Weisheit/Heiligkeit, werft weg Erkenntnis/Klugkeit
und das Volk wird hundertfach gewinnen.
Gebt auf Sittlichkeit/Menschlichkeit, werft weg Pflicht/Recht
und das Volk wird zurückkehren zu Familiensinn und Liebe.
Gebt auf Kunst/Geschicklichkeit, werft weg Nutzen/Gewinn
und Diebe und Räuber wird es nicht mehr geben.“ (Daodejing, 19 (mei‐
ne Übersetzung))
„Triffst du Buddha, töte ihn!“ (Rinzai: Linji), d.h. leg ab alle Konzepte
und Begriffe von Heiligkeit, Lehre, Ziel, Wahrheit, oder (hier z.B.) Bud‐
dha als Idol.

Was bleibt? Nichts. Aber ein schöpferisches Nichts. Nichts besteht, steht, alles vergeht, geht, wandert, wandelt sich unendlich endlich. Da stehenzubleiben, um etwas festzuhalten und stellen, macht nur uns fest und hart – und das Ergriffene wird uns doch durch die Finger rinnen.

Prinzipienlosigkeit also; und was ist das, wenn nicht die Anarchie? Denn die ἀρχή heißt neben Herrschaft: Ursprung, Grund, Prinzip, und eben das erste, herrschende Prinzip zu ergründen (und was wiederum ist Herrschaft, wenn nicht praktische Prinzipialität), markiert den Anfangspunkt unserer europäischen, ja der Philosophie, die sich seither nie vom Begrifflichen hat trennen können. Anarchisch denken, was ist das, wenn nicht die ’Pataphysik? Ist es nicht das Denken, das sich dagegen wehrt, zum Dogma zu gerinnen, (unter anderem), indem es sich uroboräisch selbst verzehrt, das auch Baudrillard, Stirner, Torma, Cage und so viele andere betrieben? Und wenn „das Denken“ selbst seine Vormachtstellung verliert, löst es sich in all dem „Nicht-Denken“ auf, von dem es eh noch nie klar zu trennen war: Theorie ist schon immer Praxis gewesen, wie Archie anarchisch – weil selbst unbegründet/unbegründbar – immer schon gewesen; und auch noch so vollkommene Wahrheit, Wissenschaft, Organisationsform und Herrschaft – immer gibt es Spielraum gegen diese: nutzen und erweitern wir diesen in Denken und Handeln!

Denn nur, weil alles pataphysisch ist, nur, weil die ’Pataphysik selbst ohne Zielen und Wollen ist, müssen deshalb wir nicht alles bejahen und wollen. Aber bspw. unsere Ablehnung des Faschismus können wir zwar mit guten Gründen versehen, nicht aber selbst zum heiligen Grund allen Tun und Lassens erheben, d.h. unseren Antifaschismus selbst idealstrukturell faschistisch werden lassen. Zu Recht frug sich Emmanuel Levinas nach den zweiten Weltkrieg, ob, wenn unsere archische Gut-Böse-Moral den Faschismus nicht verhindern konnte, sie vielleicht dazu beitrug: diese kann doch erst Taten und dadurch Menschen in Gut und Böse einteilen und richten, und verlangt absoluten Gehorsam, wie das Aufgeben eigenverantwortlicher Wertung. Anarchie ist keine Antiarchie, d.h. nicht das schlichte Negativbild des Archischen, was sie an das zu Überwindende gefesselt ließe, (schon Bakunin wusste um die letzendliche Einheit von Mittel und Zweck, dass Herrschaft nicht mit „Gegenherrschaft“ bekämpft werden kann) und so ist auch die ’Pataphysik nicht schlichte Irrationalität.

Das Anti verkörpert, z.B. als Kritik oder direkte Aktion, Widerstand, der Allzufixgewordenes dadaistisch aufzulockern vermag. Das Postanti aber wandert nomadisch über die sie nicht mehr als sonst etwas interessierenden angeblich festgesetzten Grenzen (unter anderem) des Denkens und Handelns und weiß um das Chaos der Weltensuppe.

Nun ist aber das derzeitige Chaos dieser Welt nicht irgendeines, sondern ein Bestimmtes, in das wir eingreifen wollen (und nicht nur das, und nicht nur in dieses, und teils gar nicht, und nicht nur wir, aber eben auch); doch zu leben, lieben, denken, drollen, walten, wandern, wie wir wollen, steht uns einiges im Weg, und das nicht nur Institutionen und ihre Unterdrückungsapparate. Polizei und Gefängnisse sind doch, zumindest hier, großteils nur noch dazu da, um zu verdecken, dass es sie zur Aufrechterhaltung des Status quo gar nicht mehr braucht. Weit stabilisierender ist doch der allgemeine politische Masochismus, die freiwillige Knechtschaft, d.h. die
imaginäre Archie. Veränderung beginnt drum unter anderem im Denken (das sich nicht mehr gegen ihr Äußeres verwehre und also seine niegewesenen festen Grenzen auflöse):

Nicht nur Anderes denken aber, sondern anderes Denken braucht es dazu, wie anderes Zusammenleben, Sprechen, Entscheiden oder Schaffen. Die Form zum Inhalt zu machen, ist das nicht Anarchismus? Nicht nur zu fragen, was entschieden wird und wer regiert, sondern wie entschieden wird und dass regiert wird? Ist das nicht das Lyrische? Nicht nur zu fragen, was geschrieben und gesagt wird, sondern, wie? Wider die Sprache, die Regeln der Grammatik unterwandernd (vgl. Jean Baudrillard: der symbolsiche Tausch und der Tod, Kapitel VI)? Ist das nicht die ’Pataphysik? Das „Wie“ des Forschens, Denkens, Meinens?

Die ’Pataphysik kennt die Frage auf jede Antwort, die ’Pataphysik ist das Geräusch einer einsam klatschenden Hand, die ’Pataphysik ist die Wissenschaft!

Und ihr sei dieses Institut hiermit gegründet! (Applaus)

 

Zweite Gründungsrede

Dies ist der Anfang meines zweiten Vortrags./;
Und das eben war der erste Satz des Vortrags, zumindest, wenn man hinter die sieben Worte kein feiges Semikolon setzt, sonst befinden wir uns noch immer im ersten Satz.

Welcher auch immer das war, das war komisch, er sprach über das Sprechen selbst.
Hm, dieser auch.
Ja eigentlich schon der erste Satz; fängt ja gut an. (leichtes Keckern im Publikum)

Wahrscheinlich hat er sich deshalb nicht für den letzten Beitrag bedankt [Die Reden waren von anderen Beiträgen unterbrochen], sonst wäre
„Dies ist der Anfang meines zweiten Vortrags“ nicht der erste Satz gewesen. Wie lächerlich rüpelhaft.

Halt, wer hat da gesprochen? Das war aber ein Riss in der Rede, ein innerer Monolog, von einwem von euch. Und ich weiß nicht, ob sowas hierdrin auch noch Platz hat.
Naja, soviel Inhalt gab’s noch nicht. (Lachen)
Das ist wahr.
Und von wem soll der Einwurf gewesen sein? Wer hätte denn ernsthaft das Wort „rüpelhaft“ verwendet? Du doch, um jetzt mich das hier sagen zu lassen.

Warte, wer spricht denn jetzt gerad?
Ich weiß es nicht.
Hä?
Mir schwirrt der Kopf.
(Lautes Lachen)

 

Ich spreche.

 

 

ich Spreche.

 

 

 

spreche ich.

 

 

Schweigen.

Mit dem Wort geht das nicht.
Es zerstört sich selbst.
Wie „Stille“.
„Wort“ verdoppelt sich.
Oder: „dies ist ein Satz.“
Oder: „ihr hört mich“
Oder:
„ich spreche.“

 

Wozu eigentlich?
Was ist eine Rede und warum?
Nun, ich spreche zu euch, und ihr schweigt.
Gemein. Warum? Ich steh auch so vor euch, ihr sitzt.
Ich erhöht, ihr habt auf mich zu achten.
Wie bei den Sumerern.
Die waren die Ersten.
Frontalunterricht.
Wir noch heute.

Beweis gefällig? Lasst uns ein Experiment durchführen:
(geht um Gruppe und stellt sich auf ihre andere Seite)
Ihr wendet euch um.
Klar könnt ihr dann besser sehen… aber warum sei das wichtig?
(geht zurück)
Weil ich rede. – die Rede, eine vollkommen imaginäre Form –
Und ihr…
schweigt.

(Eine Person ruft „Nein!“, eine weitere dreht sich um, allgemeine Unruhe, Lachen)

Und wenn das so bleibt, kann nur ich diese Form beenden, unzwar so:
Dies ist das Ende meiner Rede. (Applaus)

 

Dritte Gründungsrede

Eine geht noch! Dritter, letzter Akt dieses dummdoofdämlichdussligen Dramas.
Dies mal aber: Danke für den Beitrag dir!
Sop… (Fingerknacken)
Ui, die gespannten Gesichter – wie geht dieser Fiebertraum wohl zu Ende?
Hihi, hihi, nun, fassen wir zusammen: die erste Rede war ganz Inhalt. Ein halbgarpathetisches Zusammengeschreibsel von mir, gestern, verschlafen im Zug: ‘Pata, Anarch, Blablabla.
Die zweite ganz Form. Fiebertraum paradoxer Selbstbezüglichkeit und Performanz. Oder?
Nun, auch in der ersten Rede hatten wir Sprache, die eher Sprechen war, die eher etwas tat, als etwas meinte. Und das nicht nur ganz im Allgemeinen, wie an euren Reaktionen ersichtlich, sondern z.B. im letzten Satz, der die Gründung ausrief und schon dadurch realisierte.
Und man sah im zweiten Teil natürlich auch an Folgendem:

 

 

– ja, Stille, ist ja gut, wir ham’s kapiert, sehr geistreich. (Lachen)

Aber erst in Störungen des Mediums wird man auf dieses selbst aufmerksam, wie in den Tippfehlern der ersten oder im umgekehrten Postantieditorial der zweiten grünen Kerze zu erkennen war. Und dennoch kam auch die zweite Rede nicht umhin, etwas Inhalt durchscheinen zu lassen, z.B. der historische Fun Fact über die sumerische Schulform. Aber Stille, die Sprechposition, oder gar der räumliche Aufbau geben doch zu erkennen, was gern ignoriert wird: wie sehr Gestik, Betonung, Haltung und Setting an der Rede, am Bedeuten mitwirken – und somit die Vormacht der sprachlichen Semantik unterlaufen; übrigens auch im Gedruckten: Layout, Typo‐
graphie, Medium, etc. tun das Ihre.

Und in diesem Fall lässt das vielleicht die Redesituation als Ganze, den Inhalt der ersten Rede hinterfragen – als antipataphysisch, weil sich seiner Pataphysizität unbewusst.

Nuja, das stimmt wohl so nicht, schließlich erschien sie auch deshalb in der Form, um jetzt diese Worte zu ermöglichen – und das erhöbe auch „Bewusstsein“ und „Selbstbezüglichkeit“, „Uroboristik“ auf einen privilegierten Status. Und einen solchen Status will das Institut sich nicht herausnehmen – ob es überhaupt existiert, durch den Sprachakt alleine, kann ja jede(r/s) selbst für sich entscheiden: aber das ist vmtl. eh keine allzuprickelnder Frage.

Allerdings führt die allgegenwärtige Untrennbarkeit von Form und Inhalt (und derohalben das Aufgebenkönnen dieser Trennung), ja vielleicht zumindest zur Relativierung nicht nur der Gründe für die ’Pataphysik, die ich in der Eingangsrede aufführte, sondern des Anspruchs des Aufführens überhaupt, der ganzen Operation der Nutzbarmachung des Nutzlosen als immerhin einigermaßen paradoxe, aber dennoch: Werbung.

Dass deshalb das Unterfangen falsch, oder schlecht, oder wertlos sei, ist damit allerdings nicht gesagt; doch übersteigt die ’Pataphysik solch Profanitäten, wie Nutzen und Nutzlosigkeit löffelweise: selbst, wenn wir die gelehrte Nutzlosigkeit, die die ’Pataphysik ist, zum Projekt vernützlichen wöllten, was keineswegs unser Anspruch ist, täte sie das schakalhaft unterwandern, denn was wäre unnützer, als die Idee des Nutzens selbst?

Und gilt das denn letztendlich für die Definitionsversuche nicht minder? Ist das nicht auch ein fragwürdiges, erfolgloses und doch witziges Unterfangen, zu fassen, fesseln, festzustellen? Doch wird es immer wieder geschehen, und das ist gut so; wenn sich uns jetzt aber die Fraglichkeit des Definierens selbst zeigt – ohne, dass die Definitionen deshalb falsch seien: die ’Pataphysik ist un- und unendlich definierbar –, wirft uns das doch auf die Frage zurück, mit der alles und nichts endet:

„Was ist ’Pataphysik?“ (Applaus)

 

~Uroboros