„My pot-au-feu reaches its majority this week. Older than Brooke Shields, betterseasoned than Mariel Hemmingway, it has been child, wife and mistress to me for 21 years. I nurtured it through its turbulent teens, cared for it, loved it. Now at its comingof-age I bestow 21 kisses and one to grow on. We plan to spend our Golden Years together.“
~Arthur Prager„Oft träum’ ich von vergang’nen Zeiten, als wir noch kochten im Aufbau“
~Alte Volksweise„Ohne mich rühmen zu wollen, kann ich sagen, daß mein Suppenkessel fünf Monate lang immer mit derselben Suppe auf dem Feuer gestanden hat, ohne je sauer zu werden. Jeden Tag kam etwas Neues hinein, eine Handvoll Bohnen, eine Mütze Dörrzwiebeln, ein paar Fische, Pilze, Blaubeeren, Kohl, Gurken, Äpfel oder eine Handvoll Salz. Es war eine ‚ewige Suppe‘ von erlesenem, pikanten Geschmack.“
~Ehm Welk, Mutafo
Die pot-au-feu, zu deutsch „ewige Suppe“ war vielleicht eine der Genialitäten des Mittelalters, eines der Lichtfunken dieses finstren Zeitalters – eine Suppe, die über Jahre, oft Jahrzehnte und manchmal sogar Jahrhunderte hinweg ohne Unterlass kochte. Statt die übriggebliebene Brühe nach angerichtetem Mal zu entsorgen, wurde sie permanent auf dem Herd gelassen, jeden Tag serviert, immer wieder mit Zutaten angereichert – Brot, Fleisch, Gemüse – was immer gerade übrig war und bei Defiziten wurde Flüssigkeit dazugegeben. Einzig das während des Kochens immer wieder entstehende überschüssige Fett wurde entsorgt.
Wie kam es zu dieser bahnbrechenden Erfindung? Tatsächlich war die Pot-au-feu keine ausgefeilte Kreation eines Chefkochs, sondern vielmehr Ergebnis reiner Zufälligkeit der Gegebenheiten, nicht zuletzt ausgelöst durch bäuerliche Trägheit. Jeden Tag Feuer zu entzünden war aufwändig, sodass es naheliegend war, es einfach Tag und Nacht durchgängig brennen zu lassen. Von da an war es im Grunde nur noch eine Frage des Tempos der nötigen gedanklichen Verknüpfungen: Eines Tages erkannte eine Bauersfrau, dass genauso auch einfach jeden Tag dieselbe Brühe wieder verwendet werden könnte und so noch mehr Aufwand gespart würde. Die pot-au-feu war geboren und ihre Verbreitung nicht mehr aufzuhalten.
Auch wenn sie ihre Hochphase im Mittelalter hatte, schaffte es die ewige Suppe, die Jahrhunderte zu überleben. Arthur Prager, Autor von The Mahagony Tree führte eine innige Beziehung zu seiner dauerhaften Suppe. So beschrieb er sie 1981 in der New York Times als „Kind, Ehefrau und Mistress“ gleichermaßen. Laut seiner Aussage handelte es sich wahrscheinlich um die am längsten betriebene Suppe westlich der Normandie, wo es ein nicht weiter benanntes Restaurant geben soll, in welchem eine 300 Jahre alte pot-aufeu vor sich hin brodelt. In diesem Kontext erwähnt er auch ein Exemplar aus Perpingnam, das vom 15. Jahrhundert an unaufhörlich kochte, bis es im zweiten Weltkrieg durch eine Lebensmittelknappheit sein tragisches Ende fand. Einige ewige Suppen sind bis heute aktiv und haben teilweise Legendenstatus erreicht. Das Restaurant Wattana Panich in Bangkok hält seit 50 Jahren dieselbe Suppe am Kochen in einem großen, flachen Topf, um den herum sich seit ebenfalls 50 Jahren ein wachsender, wulstiger brauner Ring aus überschüssigem Fett auftürmt. Wer nun selbst aktiv werden möchte und ein Rezept sucht, kann in Alexandre Dumas „grand dictionnaire de cuisine“ oder in Arthur Pragers New York Times Artikel, der über das Internet kostenfrei zugänglich ist, fündig werden.
Durch das historische Wunder der permanenten Suppe inspiriert, widmete ich mich in den letzten Wochen folgendem Gedankenexperiment: Was würde passieren, würden wir aufhören, in der Küche die gutbürgerliche Reinlichkeit zu pflegen und unsere Kochutensilien – insbesondere Töpfe und Pfannen – nach der Vollendung des Anrichtungsvollzuges – nicht mehr mit Abspültuch und Abspülmittel bearbeiten (die Vorsilbe Ab- ist in diesem Falle von äußerster Relevanz. Anm. d. Verf.)?
Über die Zeiten würde sich in den Töpfen allerhand unterschiedlichster Gerüche und Geschmäcker ansammeln, die sich natürlich immer etwas auswirken würden auf das Endresultat eines gekochten Gerichts, sodass die Gerichte, je mehr der Topf benutzt werden würde, von den Geschmäckern her immer facettenreicher und vielfältiger werden würden. Welch ubuesker Geschmackserlebnisse ein Wesen dadurch Zeuge*Zeugin werden können müsste! Flavorische Dimensionen die jegliche Vorstellungskapazität heute Lebender übersteigen! Ein Topf, der zwei Jahre lang jeden Tag treu seinen Dienst getan, ohne jemals die Reibung mit einem Spültuch zu erleben, muss ein mannigfaltiges, unvorstellbar gigantisches Spektrum an Geschmäckern hervorbringen, welches sich gleich einem gustativ-visuell-olfaktorischen Ballon über die Kochperioden hinweg immer weiter aufbläht, den Kochtopf erobert ähnlich einer eingegrenzten Epidemie, bis er bis zum Rand gefüllt
mit verkrusteten Resten (die ganz am Ende dann vielleicht die Form einer Spirale bilden?) aufgrund fehlenden Platzes für jegliche weiteren Nutrimente nicht mehr als Instrument zur Kostproduktion geeignet nur noch in der Gesamtheit gesehen werden kann – welch historisches Phänomen! Beinhaltet der Topf nun seine eigene Kochgeschichtlichkeit, gleich einer Genealogie aus Speiseresten, haben wir schließlich aufgehört, seine vergangenen Manifestationen zu entfernen! So können wir uns nun ans Essen der Erinnerungen machen, verspeisen wir die im Topf befindliche aufgetürmte Kollektion von Kruste! Gleich dem sprachlichen Diskurs ist auch der gekochte Diskurs von Sichtbarmachung durch Macht geprägt, wird uns hier jedoch einzig das schamlose Ausleben des Ernährungstriebes erlauben, die Schichten hängengebliebener Speisereste zu ergründen.
Das Verspeisen des Diskurses ünrigens, könnte es für Ubu oder auch Max Stirner eine angenehmere Form anarchistischer Zerstörung geben? Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden, präzise gesagt in der geplanten Fortsetzung dieses Essays, Kochen im Aufbau II: Interpretation des imaginären Kochrezepts als essbarer Diskurs.
Hat der Topf sich des zu Entsorgenden ermächtigt, verwertet er es wieder? Unterscheidet ihn vom Kompost lediglich die aus Faszination am bewusst genossenen Geschmackserlebnis resultierende Duldung der*des Pataphysikers*Pataphasikerin? Wie grenzen wir den im Aufbau kochenden Kochtopf vom Küchenabfalleimer ab? Fragen, die Wissenschaftler*innen des Nachts nicht zur Ruhe kommen lassen. Es ist die Realität der*des Pataphysikers*Pataphysikerin, die das ungewaschene Kochutensil zum faszinierenden Phänomen werden lässt. Mögen andere Realitäten auch ganz anders aussehen und das Kochutensil als Produkt der Nachlässigkeit oder gar als Widerwärtig betrachten, für uns ist es wissenschaftliche Faszination. Die Interpretation „Kochen im Aufbau“ ist damit auch nur eine unter vielen, Ausnahme unter lauter weiteren Ausnahmen, und dennoch – unfassbar interessant im Augenblick (der mit unendlicher Geschwindigkeit vergehen mag).
Referenzen:
Prager, Arthur: From a Pot-au-feu, many happy returns (06.05.1981) https://www.nytimes.com/1981/05/06/garden/from-a-pot-au-feu-many-happy-returns.html (Stand: 14.06.2023)
Wikipedia: Perpetual Stew https://en.wikipedia.org/wiki/Perpetual_stew (Stand: 16.09.2023)
Wikipedia: Ewige Suppe https://de.wikipedia.org/wiki/Ewige_Suppe (Stand: 16.09.2023)
~Ubu