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Das Grauen des großen Gatsby – eine Paraanalyse

Die Paraanalyse will im Gegensatz zur Analyse nichts interpretieren oder gar ergründen oder aufdecken. Sie will nichts analysieren. Sie betrachtet nicht das Innere, Mystische, Verborgene einer Sache sondern rein das zweifelsfrei Vorhandene, dabei die gesamte Sache an sich, nimmt das Ganze als Offen-sichtliches und das Offensichtliche als Ganzes. Sie sagt, was den ganzen Körper einer Sache ausmacht und ist fertig, sie seziert den Körper nicht, gräbt nicht im Inneren der Sache. Sie zerlegt ein Objekt nie in Einzelaspekte, sondern sieht die Aspekte des Objekts nur im Gesamtzusammenhang und erhält daraus seine – Gestalt. Somit ist die Paraanalyse letzten Endes beschreibend. Die Verfilmung von Fitzgerald’s Buch „Der große Gatsby“ ist ein Werk, welches jeder Analyse strotzt, da es an ihm nichts zu analysieren gibt, es kann nicht ergründet werden, kann kaum in seine Bestandteile zerlegt werden. Es ist deshalb nicht platt oder oberflächlich oder wie auch immer der Volksmund es nennen mag, diese Bezeichnung würde zur Gestalt dieses Werkes überhaupt nicht passen, wie wir in Bälde erfahren werden. Es eignet sich jedoch gerade aufgrund seiner Homogenität und der Eindeutigkeit seiner Zweiheit als perfektes Objekt für ein hervorragendes Exemplar der Paraanalysierkunst.

Der große Gatsby ist keinesfalls ein oberflächliches Werk. Dies ist eine absolut unzutreffende Bezeichnung und eine Falle, in die wir keinesfalls tappen wollen. Die Form des Werks ist keineswegs eben oder auch nur flach, und auch nicht gerade zweidimensional, sondern durchaus dreidimensional. Die Form des Films „Der große Gatsby“ besteht aus endlos vielen, verschieden hohen, aber im Durchmesser gleich großen Monolithen; die wahrscheinlich quader- vielleicht aber auch zylinderförmig sind. Diese sind nebeneinander und voreinander, aber niemals über- oder untereinander angeordnet, sodass sie fast doch wieder eine Ebene erzeugen (aber dennoch keinesfalls eine Ebenenform). All diese monolithischen Gebilde durchläuft eine Grenze, die sie alle gleichzeitig durchschneidet und jeden Monolithen in zwei univoke Hälften trennt. Während die obere Hälfte strahlend, blank, rein und gut ist, ist die untere dunkel, schrecklich und böse. Die Trennung verläuft in alle auf exakter Höhe der x-Achse eines dreidimensionalen Koordinatensystems befindlichen Richtungen und erzeugt so eine zweidimensionale Ebene der Trennung (die jedoch keinesfalls eine Ebenenform des Gesamtwerks konstruiert).

„Inhaltsleer“ wäre ebenfalls ein absolut unzutreffender und nichtssagender Begriff des Volksmundes, hat der große Gatsby doch durchaus Inhalt zu bieten – nur eben von absolut homogener Art. Das Innere des großen Gatsby besteht aus demselben Stoff wie sein äußeres, deshalb lässt er sich nicht analysieren. Alles ist zwei im großen Gatsby: Er ist nicht ein- sondern zweiseitig (dunkel und hell, gut und schlecht). Der Inhalt ist nicht zusammengesetzt aus Einzelaspekten, in die er zerlegt werden könnte – der Inhalt funktioniert nur als ganzes, er ist nicht molekular, sondern doppelseitig-univok und weißt in seiner Unzerlegbarkeit Atomcharakter auf (nehmen wir hier, ausdrücklich nicht der Einfachheit, sondern einzig der Passheit halber ein veraltetes (aber, wie bewiesen war und sein wird, dennoch brauchbares) Verständnis von Atomen als kleinsten, untrennbaren Teilchen an).

Hätte Backenbuckel an einem Film dieser Gestalt seinen Gefallen gefunden? Dagegen könnte doch recht schnell der Einwand erhoben werden, dass die ungleichen zwei Dimensionen des großen Gatsby sich nicht gegenseitig entsprechen, sondern im Gegenteil ausschließen – oder ist dies nur der erste Anblick, und könnte beim zweiten Anblick erkannt werden, dass sich beide Dimensionen, wenn auch pompös präsentiert different, doch paradoxerweise (ähnlich wie das „ha“ und das „ha“, die sich ebenfalls sowohl widersprechen als auch gleichen) zumindest in ihrer Reinheit gleichen – das rein Schlechte und das rein Gute eine Entsprechung, die nicht zu unterschätzen wäre (Ist erstere Überlegung sogar eventuell ein Fehlschluss, der aus dem zweidimensionalen backenbuckelschen Denken resultiert, so man in diesem nur die Dichotomie Gegensatz/Einheit sieht? Könnte dies zu der weiteren Frage führen, ob Backenbuckel sich des vollen Paradoxons seiner Tautologie (des harmonischen Widerspruchs, der Gleichzeitigkeit von Entsprechung und Verschiedenheit) überhaupt bewusst sein kann, oder ob es zum Verständnis dessen zusätzlicher Dimensionen bedürfte? Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden).

Es ist nicht einmal passend, zu sagen, der große Gatsby würde „nur Extreme porträtieren“, denn Extreme benötigen Linien, an denen entlanggegangen werden kann, deren äußerste Punkte Extreme markieren, Linien mit einer unendlichen Anzahl an Zwischenstufen. Eine gute, weil auf den großen Gatsby so gar nicht passende, Veranschaulichung bieten hier Brian Reffin Smiths Betrachtungen der Metamorphosen und speziell der „In-Betweens“, der Zwischenstufen einer Metamorphose. Die Metamorphose wird als eine Art Linie der Veränderung zwischen zwei gegensätzlichen Endzuständen beschrieben, entlang der hin- und hergegangen werden kann. Extreme müssen also, um ebensolche sein zu können, nicht allein für sich sein, auch nicht allein mit dem jeweils antithetischen Extrem stehen, sondern müssen das äußerste Ende einer Linie aus unendlich vielen Punkten des Werdens sein. Smith zeigt uns, dass Extreme, um überhaupt erst als solche erscheinen zu können, immer auf die weniger-extremen Vorzustände angewiesen sind. Der große Gatsby kennt keine Zwischenstufen, keine Metamorphose, somit auch keine Extreme.

Um noch kurz bei Smiths Konzeptionen zu verbleiben, kann uns das pataphysische Konzept des „Out-Betweening“ oder der Extramorphose vielleicht auch zeigen, dass der Begriff der Parodie für den großen Gatsby unpassend ist, ist die Parodie doch außerhalb (out-between) der Extreme, über die Metamorphose hinausgehend (Extramorphose). Durch das Fehlen der Metamorphose ist auch die Extramorphose unmöglich, es gibt keine Linie des Werdens, also keine Extreme, die überschritten werden können.

Zu Erkennen ist alldies an allen Bestandteilen des Handlungsverlaufs, z.B. im Protagonisten und dessen im Film skizzierten Leben in New York. New York hat genau zwei Seiten, die pompöse, glänzende, beeindruckende, schöne – und die heruntergekommene, abgeranzte, verarmte, schlechte. Der Protagonist rutscht nicht langsam von einer in die andere Richtung, es gibt keine Zwischenhalte, er ist nie im Werden begriffen, sondern stagniert permanent im Sein. Das einzige, was sein Sein auf die andere Seite bringt, ist eine Katastrophe von außen – der Tod Gatsbys, der einen Schnitt markiert, der die Position des Protagonisten umkehrt – eine Spur eines Werdens? Keinesfalls! Dem Held wird die ihn umgebende Hülle des hellen New York vielmehr entrissen und im selben Moment die dunkle Hülle übergestreift. Der Protagonist ist ein passiver Esel, der eben noch meinte, „Ya“ zu sagen, wobei er in Wahrheit nur „I-ah“ herausbrachte, und sich daher nun seiner Elendssituation zu beugen hat. Woher jedoch der abrupte Umsturz? Rein von Gatsby aus? Anscheinend ya. Ist Gatsby etwa von aktiverer Natur, schafft er es doch, das Leben des Protagonisten umschwingen zu lassen? Doch zu welchem Preis! Das Leben des Protagonisten umschwingen kann er nur durch seinen Umschwung vom Leben zum Tod, Gatsby stirbt, um sein Sein umzuschwingen, er ist genauso passiv wie der Protagonist. Am Ende ist das einzige Macht-ausübende allenfalls die Natur, die Gatsby sterbend machen konnte, die einzige dem Begriff gerechtwerdende Akteurin dieser Geschichte.

Wir fragen uns, woher diese Welt rührt. Wer hat sie geschaffen? War es der Protagonist selbst? Wie kommt er dazu, solch eine grauenhafte und entstellende Operation vorzunehmen? Führt uns diese Fragerei nicht in die Irre, genauer gesagt: Zurück in die Analyse? Es ist unmöglich, die Intensionen und Hintergründe des Hauptcharakters zu ergründen – jeglicher Versuch einer solchen Ergründung wäre dilettantische Spekulation – reiht der Held sich selbst doch nahtlos in sein grausames Narrativ ein (welches keine Welt verbirgt, sondern eine konstruiert), ist er doch genau zum selben Gebilde verkommen wie alles andere in seiner Welt. Wie seine Umwelt, so hat auch er selbst nur zwei homogene Seiten. Seine brutale Selbstverstümmelung gemeinsam mit der Verstümmelung der Welt macht ihn immun gegen jede Psychoanalyse. Was soll man noch ergründen, wo alles unergründbar geformt wurde? Die Umwelt kann ihn nur noch in eine stabile Einheitsmasse umschwenken, da sie selbst nur aus zwei Einheitsmassen besteht. Natürlich überträgt sich das Umfeld auf das Subjekt – der Tod Gatsbys stürzt ihn ins Elend – und doch ist es einseitig, so homogen, das seine Auswirkungen eindeutig werden – und somit keiner Deutung mehr bedürftig sind. Alles an der Welt des großen Gatsby ist objektiv, auch wenn die Subjektivität des Protagonisten porträtiert wird – Wir kennen ihn nur als Teil seiner Welt, der sich vom Rest seiner Welt nicht abhebt, und seine Welt ist die einzige, die das Werk uns sehen lässt (die Welt, die wir sehen, ist ein reines Machwerk der Vorstellung des Protagonisten – äußerst pataphysisch!). Es ist genau das, was das Werk unmöglich zu analysieren macht. Es ist die subjektive Schaffung einer absolut objektiven, final demystifizierten Welt ohne jegliche weitere Ebenen, eine nackte, nein, bis auf die Atome entblöste Welt.

Der große Gatsby hat sicherlich das Potential, uns vor schreckliche Seinskrisen zu führen. Er zeigt uns eine Auffassung vom Leben als atomistisches Gebilde aus aufgereiten zweiseitig-homogenen Körpern. Lasse ich mich vom Film mitreißen, begebe ich mich auf einen Horrortrip übelster Sorte. Mein Leben nimmt die Gestalt des Films an, sämtliche Horror stabilisieren sich zu deckungsgleichen Massen, sämtliches Begehrenswerte und Geschätzte verkommt zur reinen Perfektion und absoluten Schönheit, was vielleicht noch viel grauenhafter sein kann als Ersteres – ist es doch als kämen die Idealgespenster aus ihren unerreichbaren, himmlischen, endlos hohen Löchern heruntergekrochen bis hinein in uns selbst – wird es nicht sehr schnell zu viel, ist eine solche Lebensauffassung überhaupt aushaltbar, ohne vor lauter Überfüllung zu zerbersten? Als einziger Ausweg blieb mir die spiralförmige Fluchtlinie ins Gedankenchaos, der Ausbruch aus den Dichotomien ins radikal Pluralistische, ein Ausweg, den der Film dir keinesfalls bietet, den du, durch das Glück, nicht mit allen Verbindungen an das Werk angeschlossen zu sein, sämtliche Fühler weit vom Medium weg ins Außerhalb streckend, gehen kannst. Noch nie fühlte sich unstabilisierbarer Gedankenwirrwarr so befreiend an wie im Kontext des großen Gatsby.

Hollywood hat mit dem großen Gatsby ein in seiner Bestialität unfassbares Grauen erschaffen, dessen Gefahr von dem Großteil seines Publikums unterschätzt werden muss.

~Ubu

 

 

Referenzen:

Smith, Brian Reffin: A Zombie-Pataphysical approach to histories of media art (02.02.2014) http://zombiepataphysics.blogspot.com/2014/02/a-zombie-pataphysical-approach-to.html

Luhrmann, Baz (2013): Der große Gatsby [Film], USA, Australien: Bazmark Films, A&E Networks, Village Roadshow Pictures, Red Wagon Productions

Alfred Jarry / Dirk von Lowtzow, Lars Rudolph, Alice Dwyer, Hans Jochen Wagner, Blake Worrell, Hitomi Makino (2014): Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker. Hörbuch, Bayerischer Rundfunk https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/alfred-jarry-heldentaten-und-lehren-des-dr-faustroll-pataphysiker/31009 (Stand: 16.09.2023)