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’Pataphysik – die Suppe der Suppen

„Wie grenzen wir den im Aufbau kochenden Kochtopf vom Küchenabfalleimer ab? Fragen, die Wissenschaftler*innen des Nachts nicht zur Ruhe kommen lassen.“
(Ubu, 2023: „Kochen im Aufbau I“, in: „Grüne Kerze I“, S. 66)

Tachchen auch, mein lieber Heraklit! Na, was treibt dich denn
heut so um?

Siehst du das nicht, Parmenides? Den Auswuchs reiner Wahrheit
in die Welt setzen. Wie immer also.

Achja, sei dem so? Aber der Unterschied zwischen Tee und Sup‐
pe liegt doch klar auf der Hand: ein Tee besteht aus Blättern in
heißem Wasser, eine Suppe enthält Gemüse und / oder Fleisch,
bzw. Fisch.

Und was ist mit Früchtetees? Sind die dann Suppen? Und ein
Rooibusch-, bzw. Fenchel-Anis-Kümmel-Tee? Und ist Bärlauchsuppe denn dann auch ein Tee?

Naja, aber die Bärlauchsuppen sind ja auch fettig, das ist ein Tee
nie.

…wenn man ihm keine Milch beigibt. Und auch Gemüsebrühen
oder eine gute Tomatensuppe muss kein Fett enthalten.

Aber die Grundlage eines Tees bleibt doch Wasser.

Und die einer Brühe oder Soße, eines Fong oder einer
Consommé nicht?

Aha, halt! Wir sprechen hier doch nicht über Soßen und Brühen,
sondern Suppen und Tees.

Und Soßen seien keine Suppen?

Sie sind nicht stückig, sondern flüssig wie ein Tee – und dabei
kein Tee, bevor das kommt!

Wieviele Suppen, grad Kartoffel- und Kürbis-, sind auch
unstückig und was sind die Teeblätter und Fruchtteile, wenn
keine Stückchen?

Aber die nimmt man raus – hah! – und wann nimmt man die
Zutaten bei einer Suppe schon raus?

Das nennt sich Fong. Und wenn ich die Teeblätter in der Tasse
lasse, wird dir das Ganze dann zur Suppe?

Nagut, aber die Tasse trifft dich: Tees nimmt man in Tassen,
Suppen in Schüsseln zu sich.

Noch nie ne Suppe aus ner Tasse geschlürft? Auch trinkt die
halbe Welt ihren Tee aus Schüsseln.

…und isst ihn dabei nicht! Das nämlich gebührt nur einer Suppe,
ein Tee wird getrunken.

Och, ich esse bei einem Früchtetee z.B. die Stückchen am Boden
schon ganz gern. Und mögliche Plätzchenflocken, die sich
eingeditscht vom ihrem Herkunftskeks schismatisch losgesagt
haben. Außerdem hatten wir doch die Suppigkeit von Brühen
und Soßen schon festgestellt – und wer kaut schon eine solche?

Aber Soßen kippt man zu einem Hauptgericht, das pflegt man
mit Tees und Suppen nicht.

Wird für dich denn die unbeigekippte Soße zum Tee? Das geht
doch nur nach windigen Gepflogenheiten; wird ein Tee zur Soße,
wenn ich ihn über ein Möhre gieße?

Ok, ok. Selbst wenn Brühen und Soßen Arten von Suppen sein
mögen, so ist doch ganz klar, dass bei Suppen die Zutaten ge‐
meinsam langsam zum Kochen gebracht werden, während beim
Tee das heiße Wasser direkt dem kalten Tee beigegeben wird –
der dadurch ein Aufguss ist.

Und was ist mit kalten Suppen? Gazpacho z.B.?

Hast du schon mal was von einem kalten Tee gehört?

Wenn ich in einer Tasse kalten Wassers einen Teebeutel
einweichen lasse, oder einen aufgebrühten abkühlen ließe – wer
könnte da schon einen Unterschied schmecken? Ein Tee wird
doch nicht erst dann zur Suppe, sobald er erkaltet – und wo
genau soll schon die Grenze zwischen „kalt“ und „warm“ liegen?
Würdest du denn einen in der Sauna als Tee betiteln?

Sicher nicht, gießt sich dieser doch auf Steine nieder.

Na und?

Wie, na und? Steine sind zum Zähneausbeißen und sie zu trinken
würde ich auch nicht empfehlen, muss man das dir wirklich alles
extra erklären?

Wird etwas erst zum Tee, bzw. zur Suppe – sagen wir: zur Tuppe,
wenn man es trinkt, bzw. isst – sagen wir: tisst?

Nö, aber trink-/essbar muss es doch sein.

Und wenn ich einen Tee vergifte? Und ist eine fettig-fleischige
Suppe wirklich, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen,
essbar? Ja, auch an der gesündesten Soße – Wasser bspw. – kann
ich mich zu Tode verschlucken. Die Grenzen der
Bekömmlichkeit sind doch wirklich relativ: alles ist zumindest
einmal einnehmbar.

Joah, aber wozu die Kategorie noch weiter öffnen? Die Regen‐
tonne, selbst wenn in ihr noch so viel Wasser und Blätter sind, ist
darum noch kein Teetornister.

Warum denn nicht? Manch Spatz betrachtet ihn aber gern als
solchen; und welcher Mensch trinkt denn nicht Regenwasser?
Manche lassen das Ihre nur etwas mehr Zwischenschritte
einlegen.

Ja, aber einen Tee, bzw. eine Suppe bereite ich doch willentlich
zu – das sind doch menschliche Erzeugnisse, keine natürlichen;
muss hier ernsthaft der Unterschied zwischen einem Tee und ei-
ner Pfütze diskutiert werden?

Selbstredend! Diese arg fragile Natur-Kultur-Dichotomie in der
Tee-Suppen-Erzeugung ist nämlich sowieso nicht
aufrechtzuerhalten. Wenn ein Kaffeautomat – und ohja, Tees
und Kaffees kennen auch keinen Unterschied, falls das noch
nicht klar sein sollte!

Ich ahnte es schon…

Wenn also ein Kaffeautomat programmiert ist, jeden Morgen um
10:00 einen Kaffe zuzubereiten –

…dann wurde er das von einem Menschen.

Achja? Und wenn ein Algorithmus den geeigneten Moment der
Zubereitung in Relation zur mittels Raumtemperatur und
Luftfeuchtigkeit errechneten Durstigkeit des anwesenden
Menschens selbst bestimmt?

…wurde dieser trotzdem von einem Menschen–

– Und wenn eine Katze unwissentlich einen Teebeutel in einen
Behältnis mit Wasser schiebt? Ist das dann eine Pfütze?

Wann soll das schon passieren?

Wie oft lässt ein Vogel nicht beim Nestbau einen Stock
versehentlich in einen Fluss fallen? Was macht ein Biber, wenn
nicht den Fluss mittels einer festeren Teestruktur aufstauen?

Bitte was? Ein Fluss ist jetzt schon ein Tee?

Wo denn auch die Größenrelationen festsetzen?

Bei dem für einen Menschen Trinkbaren?

Kommt ganz drauf an, wie viel Zeit du einem Menschen gibst.

Aber dann ist ja jede Flüssigkeit mit mehr oder weniger festen
Stückchen eine Tuppe. Ohgott, ich sag schon selber –

Klug erkannt! Und welcher Ozean ist das nicht! Ein Meer voller
Fische, Pflanzen, Tiere, Schiffe…

Die Ozeane eine Suppe, Ts! Aber die Schiffe gehören dazu ja
wohl nicht, sind sie doch großteils über dem Wasser. Oh nein, sag
nicht, dass du denkst –

Uboote? Und bei starkem Wellengang sind die Übergänge auch
bei Übooten oft, weißt du, fließend.

Jaja, sehr witzig, aber auch ein Uboot darf sich seiner ozeantren‐
nenden Wände sicher sein – sonst geht es nicht nur definitorisch
im Meerestee um sich auf, von dem es zuvor getrennt gewesen.

Warum denn das?

Mein Gott, war halt Luft drin.

Die ist in Fischen und Algenschwimmblasen auch – hoff ich für
sie.

Gutes Argument, Fische nicht als Teil des Ozeans zu sehen.

Ach, das glaubst du doch wohl selbst nicht, alles Lebendige dir
wegdenken zu müssen, um wirklich den Ozean vor dir zu haben.
Sind denn nicht auch die Teeblätter, die „Teefischchen“ Teil des
Tees? Nebst der Fliege, die in ihm ersoff? (Ohja, auch Fleisch
kann ein Tee enthalten).

Und doch sind sie fest – das Wasser flüssig. Fest nämlich kann eine Suppe wohl kaum sein.

Ab wann aber ist die fließende Lava, die langsam erkaltende,
noch flüssig, ab wann fest? Und für wie viele Flüssig-bisFestigkeiten lässt sich das nicht auch fragen? Bestehst nicht auch
du aus Solchem? Fast dreiviertel Deiner ist Wasser.

Ich bin keine Suppe!

Oh doch! Kleinere Suppen bilden dich, wie auch du mit
Anderen Größere.

Und worauf willst du hinaus? Lass mich raten, dass-

…alles eins ist [vgl. Frag. DK 22 B 50], genau! (Das gilt auch für
das Nichts, bzw. alles dazwischen, oder jenseits der wahrlich
schwer aufrechterhaltbaren Sein-Nichtsein-Dichotomie).

Jaja, Heraklit in seinem Element – bzw. eigentlich nicht, denn das
Feuer wäre das Deine: hast du dich mit Thales gepaart?

Och, so unglaubwürdig ist dieser Heraklit doch gar nicht, oder?

Wer war das?

Ups, äh, also –

Aha! Kein Wunder, dass das mir fischig vorkam, Heraklit bist du
nicht. Und wie unglaubwürdig bitte sind wir dargestellt? Lächer‐
licher Versuch, dieser lächerlichen Debatte lächerliches Fund
ment zu verleihen.

Und nur, weil du Parmenides nicht magst, kannst du nicht
einfach alles, was dir Schamlosemso einfällt, mir ins Maul legen.

Doch stellst du ein ganz praktisches Antidot zu seinem Thetismus
dar.

Thetismus? Teetismus wohl eher. Du hast einfach nur die zwei zu
deiner Zeit stereotypisiertesten meiner Vorstellungen – das
Fließen und der Gegensätze Einigkeit – in einen Topf geworfen:
und in einen Suppentopf obendrein. Peinlich.

Was für ein jämmerlicher, beschränkter, trauriger Versuch, sich
hinter uns als Frontmänner zu verstecken – ohne, dass wir uns
dagegen zu wehren vermögen.

Ja tut ihr das nicht gerade? Außerdem hätt ich auch nochn Zitat
eingebaut: „Auch das Gebräu zersetzt sich, wird es nicht umge‐
rührt.“ [ebd.: 53, Übersetzung von Hans Jürgen von der Wense]
Lasst mir doch meine Suppistik (ζωμιστική).

Pah!

Pah!

Wie dem auch sei. Während die zwei schmollen, hat sich uns
doch gezeigt, dass es ein Außerhalb des Suppalen nicht zu geben
vermag – und daher auch kein Innerhalb, dass alles süppisch ist –
und dass es an uns ist, sich (von) der Suppigkeit
anzunehmen / annehmen zu lassen – oder nicht.
Als was aber ließe sich die Suppe der Suppen
treffender charakterisieren, als – die ‚Pataphysik?
Und wie ließe sich die ‚Pataphysik
treffender charakterisieren, als – die Suppe der Suppen?
Denn diese ist „kein Spiel, wohl aber ein Spielen, in dem Spiele,
mit oder ohne Regeln, Bezugspunkten, Regelmäßigkeiten, Sys‐
tem, Symbolik, Kausalitat und Bildern, wie formlose Klumpen in
der Suppe des Grenzenlosen auf- und niederzutauchen pflegen
scheinen“ (Uroboros, 2023: „Postnihilversalistik“, in: „Grüne
Kerze I – Was ist ‚Pataphysik?“, S. 58), und nicht nur Tauchgän‐
ge legen sie ein: sie bilden sich, verweilen unterschiedlich lang,
um sich schlussendlich wieder aufzulösen –
Neuen Platz machend, Neue formend.
Die ‚Pataphysik, Suppe der Suppen, bleibt un(endlich)bestimm‐
bar, un(endlich)bestimmt – und nicht anders jede ihrer Teile.
Auch ihr?

Jaja, die Leier ist bekannt.

Auch das Gebräu zersetzt sich, wird es nicht umgerührt.

 

~Uroboros